Der Altar im dunklen Chor der Liebfrauenkirche fällt den die Oberkirche betretenden Besuchern sofort ins Auge, auch wenn in der entsakralisierten Kirche Lichter, Ambonen und Gestühl fehlen. Schon vom Treppenaufgang aus sieht man das elfenbeinerne Altarkreuz schimmern, beim Nähertreten gewahrt man den massiven Altartisch unter dem hohen Baldachin. Alles wurde von rheinischen Kunstschaffenden für die Vatikankirche auf der Expo 1958 gefertigt und aus Brüssel dem neuen Bistum Essen und hierüber der neuen Liebfrauenkirche zur Verfügung gestellt.

Altarkreuz von Hildegard Domizlaff, Köln
Altartisch von Kurt Schwippert, Düsseldorf
Baldachin von Hanns Rheindorf, Köln

Altarbaldachin von Hanns Rheindorf, Köln

Baldachin

Photo: Max Schulz 2019

Das Innere des gewölbten Baldachins – der Himmel

Über dem Altartisch erhebt sich ein etwa 8 m hoher Baldachin. Seine schlanken Bronzepfeiler tragen eine gewölbte Überdachung, eine Kuppel, die an ein Pantheon erinnern kann. Nur bei sehr gutem Licht ist die Gestaltung zu erkennen: Die Wölbung ist vermutlich mit dünnem Feinsilber ausgeklebt, mittlerweile schwarz angelaufen. In der Mitte ist ein sitzender Christus angebracht, das priesterliche Gewand in farbigem Emaille, Hände, Füße und Kopf in vergoldetem Silber gearbeitet. Ein ihn umgebender Kreis deutet die Sonne an, vor der Christus thront. Der Himmel ist durch ein regelmäßiges Liniennetz angedeutet, das in 12 Segmente unterteilt ist. In jedem Segment findet man von innen nach außen jeweils eine Leuchte – einen Planeten - und zwei Engel, dann ein Tierkreiszeichen aus vergoldetem Kupferdraht und schließlich einen Apostel in derselben Ausführung wie Christus.

Das Werk lässt sich der schmalen Tradition christlicher Lesarten der Tierkreiszeichen zuordnen, für die es Beispiele aus dem frühen Mittelalter gibt, etwa den äußeren Bogenlauf im Tympanon am Hauptportal der burgundischen Pilgerkirche Saint-Madeleine in Vézelay. „Spielt die gewölbte Decke des Baldachins mit den Sternkreiszeichen noch auf die archaische Vorstellung des Himmelsgewölbes an, an dem die Gestirne befestigt sind, eröffnet die Erhebung von Christus und den Aposteln in diese Himmelssphäre eine eschatologische Perspektive vom Himmlischen Jerusalem. Nach der Geheimen Offenbarung des Johannes tragen die zwölf Grundsteine der Mauer dieser Himmlischen Stadt die Namen der zwölf Apostel. Ferner braucht diese Stadt weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten, denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, das Lamm, Christus (Apk 21), an dessen Wiederkunft der Advent erinnert.“ (Philipp Reichling O.Präm.)

Der gesamte Altar war ursprünglich beherrschendes Zentrum der Kirche „Christi gloriosi“ als Teil des Vatikanpavillons der Weltausstellung 1958, der sich „Civitas dei“ nannte – Stadt Gottes, Himmlisches Jerusalem. Es war die erste offizielle staatliche Beteiligung des Heiligen Stuhls an einer Weltausstellung. Daher verwundert es nicht, dass man Jesus als Christus in der Verherrlichung und der Kirche mit universalem Geltungsanspruch begegnet. Kritiker sahen einen Widerspruch zwischen dem Entwurf der Vatikankirche nach Art eines Nomadenzeltes, was den Gedanken des Lebens als Pilgerreise nahelegt, und der Repräsentation des Katholizismus als moralische und wissenschaftliche Weltmacht, etwa in der Ausstellung über das Wirken der Kirche in der Welt (Geert Bekaert 2006, 244). In der Altargestaltung selbst ist indes der triumphierende Christus nicht ohne den leidenden Jesus im ebenfalls leuchtenden Kruzifix unter dem Baldachin zu sehen.

Altarkreuz

Dreifaltigkeitskreuz, Hildegard Domizlaff (1898-1987)
Hauptaltar der Vatikankirche, Expo Brüssel 1958
Altarkreuz

Photo: Max Schulz 2019 (Ausschnitt)

Über dem Hauptaltar hängt, dem Besucher hell entgegenleuchtend, das Altarkreuz der Kölner Bildhauerin, Medailleurin, Holzschnitt- und Schmuckkünstlerin Hildegard Domizlaff, die ab 1926 bis zu ihrem Tod in Köln lebte. Sie hatte es für die Vatikankirche auf der Brüsseler Weltausstellung 1958 gefertigt.

Es ist eine Art Prankenkreuz, Ausdehnung 92 cm, auf Vorder- und Rückseite sind dünne Elfenbeinplatten aufgebracht, das dreiteilige Korpus ist vergoldet. Der Gekreuzigte ist rundplastisch durchgebildet, der Kopf ist nach vorn geneigt, der Gesichtsausdruck in traditionellen Formen gehalten. Darüber tritt aus einer angedeuteten Wolke eine Hand hervor, die einen Lorbeerkranz über Jesus‘ Kopf hält: die rechte Hand Gottvaters. Neben dem Haupt Christi sitzt eine kleine Taube, der Heilige Geist. Das Dreifaltigkeitskreuz ist aufwendig mit kunstvoll gefassten Halbedelsteinen verschiedener Größe ausgestattet. Die Kreuzesenden sind mit faustgroßen Bergkristallen geschmückt. Auf der Rückseite findet sich ein Flachrelief, eine Madonna mit Kind.

In dem Altarkreuz kann man finden, was Domizlaffs frühen Arbeiten oft zugeschrieben wird: eine deutliche Nähe zu spätantiken und frühchristlichen Traditionen (Ingrid Severin).

Die Künstlerin hat in den 1950er Jahren zahlreiche Madonnen, Messingkreuze und Altäre geschaffen.
Zu den Werken sakraler Kunst von Domizlaff, die größere Bekanntheit erlangten, gehören der Bischofsstab und der legendäre Kohlering des späteren Ruhrbischofs Franz Hengsbach.

Altartisch mit Bronzereliefs von Kurt Schwippert

Altartisch Vorderseite

Photo: Max Schulz 2019

Altartisch – Vorderseite

Der Blick des Besuchers richtet sich, wenn er die gesamte Oberkirche erfasst, auf den monumentalen, blockhaften Altar, der vor der geraden dunklen Chorwand unter einem Baldachin stehend den Chorraum beherrscht. Der Tisch besteht aus geschliffenem Belgisch Granit. Er ist rundum mit acht bronzenen Relieftafeln verkleidet.

Die drei Tafeln auf der Vorderseite zeigen links Widder und Altarrost – stehend für Abrahams Opferung Isaaks; in der Mitte zwei Hände und fünf Krüge - für das Opfer des Melchisedech; rechts einen Tisch mit Lamm und Feuer - für das Opfer Abels (s. Foto oben).

Auf der linken Seite sind die wunderbare Brotvermehrung und das Weinwunder der Hochzeit zu Kanaa gezeigt, auf der rechten Seite Kultgeräte des Bundeszeltes und das Manna, das Himmelsbrot, das die Israeliten in der Wüste ernährte (Fotos: s. Rundgang).

Altartisch Rueckseite

Photo: Max Schulz 2019

Alle Tafeln verweisen durch ihre Motive aus dem Alten und Neuen Testament auf die Eucharistiefeier, die im größten der Reliefs als Tischgemeinschaft dargestellt ist (Altartisch Rückseite, s. Foto).

Schwippert beschränkte sich wie in anderen Auftragsarbeiten der 1950er Jahre auf knappe zeichenhafte und symbolische Formen. Ein zeitgenössischer Beobachter beurteilte sie als abstraktiv, aber dennoch verständlich und formal außerordentlich sauber. Der Künstler selbst nannte sie „verdeutlichte Bilder“, die auf das in der Kirche lebendige Geheimnis des Opfermahls hinweisen sollten.