von Karl Heinz Türk (1928 – 2001)

„…da brannte der Dornbusch und verbrannte doch nicht.“ (Ex 3,2)

Relief Brennender Dornbusch an der Außenfassade

Foto: Max Schulz (Ausschnitt)

An der Hauptfassade zum König-Heinrich-Platz hin befindet sich unten eine niedrige Eingangszone, die zwischen zwei einfachen Glastüren ein Relief aus Muschelkalk zeigt: „Moses vor dem brennenden Dornbusch“. Darüber brennt ein Feuer, das die gesamte Fassade einnimmt. Es setzt die zentrale Szene aus Moses‘ Berufung ins Bild (Exodus 3,1–6).

Als Mose Schafe und Ziegen am Gottesberg Horeb weidete, erschien ihm der Engel des HERRN in einer Feuerflamme aus einem Dornbusch. Der Dornbusch brannte im Feuer, aber der Dornbusch wurde nicht verzehrt. Mose wollte sich die Erscheinung ansehen. Da rief Gott ihm mitten aus dem Dornbusch zu: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Er sagte: Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden. Dann fuhr er fort: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da verhüllte Mose sein Gesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.

Moses ist bei der Begegnung mit Gott zu sehen, der ihm als brennender, aber nicht verbrennender Dornbusch erscheint. Auf der Fläche über dem Haupteingang sieht man die Flammen des Dornbuschs lodern: Platten aus rotem schwedischem Gran, unterschiedlich geformt und bearbeitet, zeigen das gewaltige göttliche Feuer. Die waagerechte und senkrechte Anordnung der Platten sowie die Abstufung der Rottöne deuten die außergewöhnliche Beziehung Gottes zu Mose an.

Das Fassadenbild ist mit den beiden Reliefs in den Eingangsbereichen „Vertreibung aus dem Paradies“ (links) und „Opfer Abrahams“ (rechts) zusammen zu betrachten. Dreimal handelt der Engel des Herrn, zuerst für den sich offenbarenden, dann den strafenden und den begnadenden Gott. Ein Bezug des gewählten Motivs zur Liebfrauenkirche liegt darin, dass der brennende, aber nicht verbrennende Dornbusch traditionell als ein Bild für die Jungfrau Maria galt: Sie trug Gott in sich, ohne zu vergehen.

Das Relief wurde im Oktober 1965 nach einem Dreivierteljahr Arbeit von dem Nürtinger Maler und Bildhauer Karl Heinz Türk angebracht. Türk hatte ursprünglich eine noch aufwendigere Gestaltung der Ostfassade sowie eine reliefartige Gestaltung aller Außenwände vorgesehen, die nicht zu bezahlen war. Für ihn war es der erste große Auftrag. Neben Arbeiten für evangelische und katholische Kirchen und für verschiedene private und öffentliche Auftraggeber fertigte er auch sogenannte Meditationszeichen im Geist der Anthroposophie.

Tritt man aus dem Stadttheater oder nähert man sich der Kirche über die Landfermannstraße, so kommt das Wandbild als Ganzes in den Blick und lädt zu näherer Betrachtung ein.

Die Stiftung, die Träger der Kulturkirche Liebfrauen ist, benennt sich nach dem hier dargestellten Motiv einer Begegnung, die als paradox dargestellte Gottesbegegnung oder auch als Erfahrung des ganz Anderen aufgefasst werden kann.

Gesamtansicht

Foto: BigBeautifulBuilding, Christian Huhn