AAI HRM 366 F 40

Dr.ing Toni Hermanns. Architekt BDA. Kleve. Weberstr.-Spitzgasse.
Neubau der Katholischen Pfarrkirche Liebfrauen Duisburg
Baubeschreibung.

Der Neubau der Kath. Pfarrkirche Liebfrauen ist als klarer, gerichteter Baukörper zum König Heinrich Platz orientiert. Im Interesse einer notwendigen Höhenentwicklung und mit Rücksicht auf die Ausnutzung der Bürgersteigüberbauung wird eine zweigeschossige Anlage vorgesehen.
Das Sockelgeschoss umfaßt eine geräumige Eingangshalle und die Anbetungskirche. Die Anbetungskirche wird durch die aufgelöste westliche Stirnwand wirkungsvoll belichtet. Zusammen mit Altarwand und Eingangswand umgrenzen freistehende Bildsäulen den ruhigen Anbetungsbezirk.
Die Eingangshalle als Raum der Ruhe und der Sammlung hat bei der verkehrsreichen innerstädtischen Lage der Kirche seine besondere Berechtigung. Hier ist auch der Taufstein aufgestellt und eine kleine Marienkapelle vorgesehen.
Über eine großzügige Treppe gelangt man in den gestreckten Hauptkirchenraum, dem zu beiden Seiten niedrige Seitenschiffe angegliedert sind. Dem Gemeinderaum fügt sich im Westen der quergestreckte Chorraum an. Oberhalb der Seitenschiffe sind die Seitenwände des hohen Kirchenraums in schlanke Fenster aufgelöst. Die so gegebenen Möglichkeiten der Lichtführung können durch eine farbige Verglasung vollendet werden.
Das Hauptschiff faßt 300 feste Sitzplätze, die Seitenschiffe zusammen 200 Sitzplätze. Außerdem forderte das Programm 500 Stehplätze. Die Breite der Ausgänge und Treppen ist gemäß den baupolizeilichen Bestimmungen auf diese Zahlen abgestimmt.
Im südlichen Seitenschiff sind vier Beichtstühle eingebaut. Der fünfte Beichtstuhl ist in der Marienkapelle untergebracht. Die vorgesehene Anordnung der Sakristeiräume zwischen diesem Seitenschiff und der Nachbargrenze ermöglicht einen Introitus ebenso aus dem Chorraum wie aus der Tiefe des Gemeinderaumes. Die Belichtung und Belüftung der Sakristeiräume erfolgt durch Oberlichter.
Über dem Haupttreppenaufgang ist zwischen den Längswänden des Kirchenschiffes eine freitragende Sängerempore eingebaut, die über eine Wendeltreppe von 1,25 Stufenbreite zugänglich ist. Von der Landgerichtsstrasse her ist ein Nebeneingang zur Kirche vorgesehen. Von hier ist auch im Sockelgeschoss der Lagerraum unter den Sakristeiräumen zugänglich. Ebenso der Heizungskeller, der direkt von außen Licht und Luft erhalten soll und bei dessen Anlage die einschlägigen technischen Richtlinien beachtet werden.
Der Aufriß der Kirche wird bestimmt durch einen klaren Aufbau über dem einfachen Grundriß. Die Decke des Gemeinderaumes fällt zum Altar hin ab bis zur Berührung mit dem Chorraum, dessen Decke zum Altar hin wiederum ansteigt.
Das Äußere der Kirche wächst aus dem konstruktiven Gefüge, daß im wesentlichen durch zwei Stahlbetonrahmen bestimmt wird, die vom Eingangsturm zu den äußeren Streben des Chorraumes gespannt sind. An der Berührung zwischen Gemeinderaum und Chorraum sind diese Rahmen durch eine Pendelstütze gestützt. Diese Gesamtkonstruktion ermöglicht eine stützenfreie Verbindung der Seitenschiffe mit dem Kirchenraum. Sie bewirkt außerdem die Konzentration aller Lasten auf nur wenige Fundamentpunkte und ist damit besonders geeignet für den ungünstigen Baugrund des zur Verfügung stehenden Grundstückes.
Die Außenflächen der Kirche erhalten eine kleingegliederte Natursteinplattenverkleidung nach besonderem Entwurf. Für eine technisch einwandfreie Wärme- und Feuchtigkeitsisolierung der Außenwände und besonders des Flachdaches wird gesorgt.
Die aufgerichtete Eingangsfassade am König Heinrich Platz erhält oberhalb der Eingangszone eine architektonische Gliederung, die von bildhauerischen Reliefs durchsetzt ist. Sie wird bekrönt von der breiten Glockenstube.
Die östlichen Stirnflächen der Seitenschiffe und der Marienkapelle werden durch Formsteine vermauert, die in den Baugesuchszeichnungen nur schematisch dargestellt sind und für die eine besondere bildhauerische Lösung gesucht wird.
Die weitgespannte Stützung des nördlichen Seitenschiffes entspricht dem übrigen Konstruktionsgefüge. Sie verleiht dem Äußeren eine große Spannung zum Chorraum hin, in dessen nördlicher Abschlußwand eine noch zu gestaltende Maßwerkdurchbrechung den Schwerpunkt der Kirche verdeutlicht. Für diese Durchbrechung soll noch eine wertvolle bildhauerische Lösung gesucht wird.

Zum Dispensbeschluß vom 18. Sept. 1957

DR.ING. TONI HERMANNS

„Eine neuartige lichtdurchlässige Faltwandkonstruktion aus glasfaserarmiertem Plexiglas.“
„(...) erwiesen sich nach gründlichen Überlegungen der Wirtschaftlichkeit, der statischen Konstruktion und der akustischen Erfordernisse diese Fensterelemente als besonders geeignet".
Dr. Toni Hermanns, Architekt, 1961

Faltwerkwaende Gesamtansicht von Norden 2017

(Kulturkirche Liebfrauen, Gesamtansicht von Norden, 2017)

Dr. Toni Hermanns 'Baubeschreibung' vom 18. September 1957 nennt noch ein anderes Konzept: "Oberhalb der Seitenschiffe sind die Seitenwände des hohen Kirchenraums in schlanke Fenster aufgelöst. Die so gegebenen Möglichkeiten der Lichtführung können durch eine farbige Verglasung vollendet werden." Vermutlich reichte die Statik für die Realisierung dieses Konzepts nicht aus. Als der Rohbau bereits stand, war dieser Bereich noch offen.


„ (...) die großzügige Durchfensterung der Außenwände. Die bemerkenswerte Gestalt der Obergadenfenster zeigt eine aus Plexiglas (ohne Metallteile) gebildete, kristallin brechende Struktur.“
„(...) das Gestalten mit polygonalen (...) Volumina...“, „diaphane Wandstrukturen“.
Dr. Claudia Euskirchen, Stadt Duisburg, Denkmalbehörde, Bescheid Unterschutzstellung / Eintrag der Liebfrauenkirche Duisburg-Mitte in die Denkmalliste, 2005

Faltwerkwnde auen Sdseite

(Faltwerkwand, außen, Südseite)

Das Fenster besteht aus mehreren gleichen, hochrechteckigen Elementen, die durch eine vertikale Faltung dreidimensional werden und sich im unteren Drittel bauchig verbreitern. Die Fenster vermitteln den Eindruck eines zusammengerafften Vorhangs.“
„Die Faltkanten wurden zusätzlich auf beiden Seiten mit zwei Lagen Glasfaserstreifen verklebt.“
„Der hohe, weite Raum wird von den durchscheinenden, aber nicht durchsichtigen Faltwänden in ein helles, warmes Licht getaucht.“
Dr. Gundula Lang, LVR, Rheinisches Amt für Bau- und Kunstdenkmalpflege, 2010

Faltwerkwnde innen Nordseite

(Faltwerkfenster, innen, Nordseite)

„Die Faltwände aus Glasfaser der Obergadenfenster gleichen einem diaphanen Vorhang. Bei Sonnenlicht wird die Oberkirche von Liebfrauen zu einem lichterfüllten Raum. Besucher der verschiedenen Veranstaltungen sind immer wieder erstaunt und fasziniert von der einmaligen Wirkung, die von hier ausgeht.“
Dr. Philipp Reichling OPraem, Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Brennender Dornbusch, 2014

Faltwerkwnde innen Veranstaltung

(Beide Faltwerkfenster bei einer Veranstaltung, 2014)

Die Faltwerkfenster sind hergestellt aus Verbundmaterial. Hier wurde durch ein Laminierverfahren Plexiglas mit anderen Materialien zu einem Verbund hergestellt und geformt. Es handelt sich um 10,5 mm starkes Plexiglas, aus 8 mm Kernmaterial beidseitig mit jeweils 2 Lagen Glasfaser-Streifen (Roving) geklebt. Das Gesamtgewicht beträgt rd. 6.200 kg. 2 x 300 qm Fläche.
Material von der Firma Röhm und Haas, Darmstadt.
Planung und Verarbeitung bei C.W. Kopperschmidt und Co, Hamburg, 1958 – 1961.

Faltwerkwnde Nordwand Faltung und Ansicht

(Faltung und Ansicht der Nordwand)

Und zu guter Letzt:
"Die Faltwerkwände der Liebfrauenkirche sind aufgebaut aus einander ähnlichen Trapezen und gleichschenkligen Dreiecken, die versetzte erhabene und versenkte konische Formen bilden.
Dieses großflächige Plissee aus glasfaserverstärktem Plexiglas akzentuiert die Architektur des „beton brut“, deren Elemente in der Oberkirche sichtbar sind. Je nach Sonnenstand und Witterung changiert das Tageslicht im Inneren.“

Im Zeitungsbestand des Duisburger Stadtarchivs fand sich ein Artikel des "Duisburger General-Anzeigers (DGA)" vom 03.03.1961 eines DGA-Redakteurs G.G. nebst DGA-Photo (Raschkewitz), den wir Ihnen auch als pdf-datei (ca. 9MB) zur Ansicht oder 'Download' zur Verfügung stellen. Anlaß war die Endmontage der Faltwände an der Südfront. Wir zitieren hier diesen Artikel:

Jetzt wird die Südfront verglast
Parallel-Gottesdienste für 620 Gläubige in der "Beton-Kirche"
30 Arbeiter hievten zentnerschwere Faltwände - Liebfrauenkirche ist im Juli fertig

Mit einem beträchtlichen Personalaufwand wurden am Donnerstag die letzten Faltwände für die Südfront der neuen Liebfrauenkirche am König-Heinrich-Platz entladen. 30 Arbeiter waren damit beschäftigt, die rund sechs Zentner schweren Folienfenster an Ort und Stelle zu bringen. Alle mechanischen Hilfsmittel versagten, als es galt, die sperrigen "Fensterflügel" den Treppenaufgang hinaufzutransportieren: Manuelles Geschick war Trumpf.

Mit der Verglasung der Südfront der Kirche ist gleichzeitig auch das Ende der langwierigen Bauarbeiten in Sicht. Kündigt Stadtdechant Schwering an: "Wir rechnen damit, daß Anfang Juni, nach fast dreijähriger Bauzeit, die Kirche geweiht werden kann!".
Die Verglasung der breiten Kirchenfronten hat einigen Staub aufgewirbelt. Die statischen Berechnungen hatten sich für den Fall als falsch erwiesen, daß herkömmliche Buntglasfenster verwendet würden. Die stützenlos angebrachte Tragdecke wäre der tonnenschweren Belastung nicht gewachsen gewesen. Man hat inzwischen einen Ausweg gefunden: Die Verwendung der wesentlich leichteren Folienfenster brachte den Fortschritt der Bauarbeiten wieder in Schwung. Inzwischen wurde die Nordfront der Kirche mit den Spezialfenstern versehen. Sie präsentiert sich jetzt dem interessierten Beobachter als milchig-dumpfe, nahezu undurchsichtige Fenster-Faltwand. An der Südfront, die unmittelbar an das Landgerichtsgebäude anschließt, ist man noch nicht zu weit. Mit erheblichem Kräfte- und Stimmenaufwand wurden gestern morgen die bis zu 14 Meter langen Fensterflügel den Treppenaufgang, der das Souterrain von dem oberen Kirchengebäude trennt, hinauftransportiert. Schon in wenigen Tagen wird die Südfront verglast sein.
Novum für Duisburg
Stadtdechant Schwering erklärte dazu, daß es sich bei der Konstruktion der Kirche um ein Novum im Duisburger Raum handelt. In dem Kirchenschiff werden zwei Räume untergebracht werden, in denen gleichzeitig Gottesdienst abgehalten werden kann. Die obere Etage ist für die Hauptgottesdienste vorgesehen. Hier finden 500 Gläubige Platz. Das Souterrain soll in der Hauptsache den Schulkinder-Gottesdiensten vorbehalten sein. 120 Kinder können hier die Predigten hören. Außerdem ist in der unteren Etage auch eine Marien-Kapelle geplant.
Man hat also offensichtlich aus der Not eine Tugend gemacht. Das Gebäude, das laut städtebaulicher Vorschrift in der Höhe ausgerechnet mit dem Gefängnis abschließen muß, war unverhältnismäßig hoch geraten. Die Unterbringung von zwei übereinanderliegenden Gottesdiensträumen bedeutete gleichzeitig die Lösung des gordischen Knotens.
Schmucklose Fensterfront
Freilich: der unbefangene Beobachter kann sich vorerst mit den reichlich schmucklosen Fensterfronten nicht so recht befreunden. Eine Auflockerung der grauen Stahlbeton-Konstruktion durch Buntglasfenster wäre zweifellos von Reiz. Als Beispiel darf die Vorderfront der Kirche gelten, die durch ein die ganze Wand füllendes Mosaik (mit violetten, gelben und grauen Steinen ausgelegt) ein sehr freundliches Aussehen erhielt.
Ein Durchbruch zu dem sich unmittelbar anschließenden Gefängnis, um auch Häftlingsgottesdienste abzuhalten, wurde nicht eingeplant. Sagte Stadtdechant Schwering: "Du lieber Gott! daran haben wir wirklich nicht gedacht. Die Häftlinge haben ihre eigene Kapelle." G.G.